Der erfahrene Wanderer weiß: die Brotzeit schmeckt ein paar hundert Höhenmeter über der Talsohle meist am besten. Dass traumhafte Wetterbedingungen oft spontan für einen Aufstieg zu Almen und Hütten genützt werden, ist in der Naturparkregion Reutte folglich seit jeher gang und gäbe. Für die allermeisten Gäste und Einheimischen war und ist dies auch einfach machbar. Aber eben nur für die allermeisten…

Denn all denjenigen, die körperlich eingeschränkt sind – weil sie beispielsweise im Rollstuhl sitzen – blieben solche eigentlich selbstverständlichen kulinarischen Highlights bisher oft verwehrt. Auch die, die mit Kinderwagen unterwegs sind, haben meist keine Möglichkeit sich auf einer schönen Almterrasse bei spektakulären Panoramablicken verwöhnen zu lassen. Doch damit ist nun endlich Schluss:

…denn der Alpenrosenweg am Hahnenkamm ist ab sofort barrierefrei bis zur Lechaschauer Alm befahrbar!

Dass dies für die genannte Personengruppe viel mehr bedeutet, also „nur“ die eingangs erwähnte Brotzeit auf völlig neue Art und Weise genießen zu können, konnte ich kürzlich bei einer „Erstbegehung“ erfahren. Denn am Parkplatz der Bergwelt Hahnenkamm traf ich mich mit Ing. Bernhard P. Gruber, Stefan Posch und Mag. Brigitte Posch.

Ing. Bernhard P. Gruber, Stefan Posch (hinten v.l.n.r.), Mag. Brigitte Posch (vorne)

Geballte Fachkompetenz

Bernhard ist Allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Barrierefreiheit, sowie Gründer und Obmann des Vereins “die Barrierefreien gem.e.V.“.

Stefan ist Obmann-Stellvertreter des Vereins und darüber hinaus Parasportler, Tiroler Meister und Deutscher Vizemeister im Parakart sowie Monoskifahrer & Handbiker. Wochentags arbeitet er bei Plansee. 

Gitti, die als einzige aus der Dreiergruppe nicht im Rollstuhl sitzt, ist Schriftführerin-Stv. im Verein, Sportwissenschaftlerin und Sporttherapeutin im AUVA Rehabilitationszentrum Bad Häring. Dort ist sie u.a. zuständig für das Rollstuhltraining und beherrscht daher auch selber den Rolli perfekt. Darüber hinaus ist sie maßgeblich für den Aufbau der österreichischen Rollstuhlrugbyszene verantwortlich.

Der Weg ist das Ziel

Für Bernhard und Stefan war der barrierefreie Alpenrosenweg übrigens „nichts Neues“, denn beide waren in beratender Funktion am Umsetzungsprozess beteiligt. Selber erfahren und damit „Live“ erleben konnten sie ihn bisher aber noch nicht.

Mit dem Ziel dies zu ändern, koppelten die beiden ihre Swiss-Trac vor den Rolli und fuhren über die Rampe an der Talstation am Drehkreuz vorbei in Richtung Gondel. Was mir dabei sofort auffiel war, dass das Liftpersonal offenbar für solche Situationen geschult oder zumindest dafür sensibilisiert sein musste. Denn die Hahnenkammbahn wurde umgehend verlangsamt und sofort stand ein Mitarbeiter bereit um bei der Einfahrt in die Gondel zu helfen. Dasselbe Spiel wiederholte sich dann auch bei der Ankunft an der Bergstation. Chapeau Bergwelt Hahnenkamm!

Ende Gelände?

Dass dank moderner Gondeln die Bergstationen des Landes oft barrierefrei erreichbar sind, ist in Tirol scheinbar längst Standard. Meist endet die Reise jedoch schon wieder an eben diesen, wie mir Bernhard erzählte:

„Dieser Weg auf einer Seehöhe von 1.700m ist als Pionier in der Erstellung von barrierefreien Wanderwegen im alpinen Bereich zu sehen! Der Ausbau dieses ehemaligen Almsteiges zu einem barrierefreien Wanderweg ermöglicht es behinderten Menschen mit Hilfsmitteln wie Swiss-Trac, Vorspannbike, E-Rolli usw. zur Lechaschauer Alm zu gelangen und damit ein einzigartiges Naturerlebnis zu erleben.“

„Aber nicht nur behinderte Menschen profitieren hier. Der Weg ermöglicht nun einen Familienausflug der gesamten Sippe in alpinem Gelände, bei dem nicht nur Gondel gefahren wird. Der Weg ist vom Baby im Kinderwagen bis zur Oma, die eine Gehhilfe oder einen Rollator benötigt, zu bewältigen.“

Tatsächlich ermöglicht der Weg also einer gesamten Personengruppe eine komplett neue Erfahrung der Natur. Als fußläufiger Wanderer oder Mountainbiker ist man es ja gewohnt sich auf Höhenwegen aufzuhalten, sich am Abhang entlang zu bewegen, sich dabei den Wind um die Nase pfeifen zu lassen und dabei den Panoramablick ins Tal zu genießen. Für Bernhard und Stefan brachte diese „Erstbefahrung“ jedoch ein völlig neues bzw. lange nicht mehr erlebtes Gefühl mit sich.

Los geht die wilde Fahrt!

Von der Bergstation führt der Weg erstmal bergab bis hinter die Höfener Alm, wo der Alpenrosenweg vom Fahrweg abzweigt. Von hier aus bis zur Lechaschauer Alm sollten wir 40 Minuten unterwegs sein, die beiden fuhren dabei im ersten Gang.

Die eher gemütliche Fahrt nutzten die beiden, um alles auf und neben dem Weg genauestens zu inspizieren und zu kommentieren. Für mich hatte es bis hierher eher den Charakter einer Bauabnahme als eines Wanderausfluges. Dass direkt am Wegrand eine außergewöhnlich reiche Blumenvegetation herrscht, führte Bernhard beispielsweise auf den händischen Wegebau ohne Bagger und anderem schweren Gerät zurück.

Erst als uns auf ca. zwei Drittel des Weges eine junge Frau aus Deutschland im Rolli mit ihrem Handbike, welches sie nur über ihre Muskelkraft antrieb, begegnete, kam Bernhard aus seiner Rolle als gerichtlich zertifizierter Sachverständiger heraus:

„Das war ein sehr emotionaler Moment, der mich den Tränen nahebrachte. Es ist gerade für uns behinderte Menschen enorm wichtig solche Möglichkeiten nützen zu können um sich selbst zu zeigen, dass immer noch viel geht und dieses andere Leben damit trotzdem lebenswert ist. Aber auch um nicht betroffenen Menschen zu zeigen was geht, wenn man will, um damit vielleicht deren Nöte in einem anderen Licht darzustellen.“

Kurz darauf erreichen wir das Tagesziel – die Sonnenterrasse der Lechaschauer Alm.

Zeit für ein (sachliches) Zwischenfazit

Nachdem wir die wohlverdiente Brotzeit bestellt hatten, erfuhr ich von Stefan und Bernhard sehr viel über das Leben als Rollstuhlfahrer und mit welchen Erschwernissen diese zu kämpfen haben. Gitti schilderte ihre Erfahrungen aus Sicht der Sporttherapeutin im Rehabilitationszentrum.

Natürlich war es dann auch an der Zeit eine erste Feedback-Schleife zum Weg zu starten, was sich Bernhard als Sachverständiger nicht nehmen ließ:

„Die Ansprüche an einen barrierefreien Wanderweg sind hier jedenfalls erfüllt. Der Weg ist barrierefrei, ist aber als schwere (schwarze) Route zu klassifizieren. Das heißt es wird ein Zuggerät wie z.B. ein Swiss-Trac benötigt. Ohne Zuggerät ist der Weg nur mit sportlicher Schiebebegleitung zu bewältigen. Die zu „machenden „Höhenmeter halten sich durch die Bergfahrt mit der Hahnenkammbahn in Grenzen.

Es ist nun möglich als Gast oder Einheimischer, der auf einen Rolli angewiesen ist, mit der Bahn oder dem Bus nach Reutte zu kommen – von wo aus es spielend möglich ist mit einem Swiss-Trac oder mit dem barrierefreien Bus nach Höfen zu fahren. Dann mit der barrierefreien Bergbahn zur Bergstation und von dort weiter auf dem neuen barrierefreien Weg zur Lechaschauer Alm. Umgekehrt zurück und vor der Heimfahrt genießt man im barrierefreien Untermarkt ein kühles Bier als Abschluß eines tollen und total selbstständigen Ausflugstages“.

Nach dem Essen bespricht sich Bernhard noch mit Peter Frick, dem Pächter der Lechaschauer Alm. Thema ist die Adaption des WC‘s nach Bernhards Plänen, denn dieses ist für Rollstühle breiterer Bauart derzeit noch nicht zugänglich. An der Umsetzung wird aktuell fieberhaft gearbeitet.

„Es gibt demnächst zusätzlich zum bereits vorhandenen barrierefreien WC im Panoramarestaurant bei der Bergstation das adaptierte barrierefreie WC bei der Lechaschauer Alm, wodurch sich die barrierefreie Servicekette schließt.

 In naher Zukunft wird das Angebot der Bergwelt Hahnenkamm durch den barrierefreien Alpenblumengarten und den Speicherteich mit barrierefreier Dammkrone erweitert, sodass einem ganztägigen und erlebnisreichen Familienausflug absolut nichts mehr im Wege steht.“

 

Es gibt einen zweiten Gang

Nachdem wir uns total verquatscht hatten und unbedingt die letzte Talfahrt um 16:30 Uhr erwischen mussten, wurde ich darüber aufgeklärt, dass der Swiss-Trac auch einen zweiten Gang – also einen Schnellgang – hat…

Ich musste am Rückweg wirklich ordentlich Gas geben, um den Anschluss an die beiden nicht zu verlieren. Auch für Gespräche war am Rückweg keine Zeit mehr. Von weitem hörte ich nur immer wieder Ausrufe wie “Wahnsinn!!“, “Einzigartig!!“, “Autobahn!!“.

 Der barrierefreie Alpenrosenweg scheint bei der “Testgruppe“ also voll eingeschlagen zu haben, was mir Bernhard bei der Verabschiedung an der Talstation auch noch einmal bestätigte:

„Als Rollifahrer habe ich den Nachmittag sehr schön und emotional berührt erlebt. Unsere wunderschöne Natur und das tolle Bergerlebnis hat meiner Seele sehr gut getan“.

„die Barrierefreien“ sind eine Gruppe behinderter und nichtbehinderter Menschen. Sie setzen ihre Lebensenergie für eine ganzheitlich barrierefreie Umwelt, von der alle Menschen profitieren, ein.

Mehr Infos zum Verein auf www.die-barrierefreien.com