Heute möchte ich Euch einen Ortsteil von Reutte vorstellen, den Ihr vielleicht noch nicht entdeckt habt, obwohl er sich fast direkt im Ort befindet und einen Besuch lohnt – die Südtiroler Siedlung.

Geschichtlicher Hintergrund

Südtirol wurde nach dem 1. Weltkrieg im Vertrag von Saint-Germain 1919 endgültig Italien zugesprochen. Das tägliche Leben der Südtiroler Bevölkerung, die zu ca. 90 % deutschsprachig war, wurde nun ständig schwieriger – so wurden beispielsweise deutschsprachige Schulen geschlossen und Italiener aus dem Süden angesiedelt. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland im März 1938 hofften die Südtiroler, dass der neue Machthaber Adolf Hitler Südtirol wieder „heim ins Reich“ holen würde. Diese Hoffnung zerschlug sich, als im „Hitler-Mussolini-Abkommen“ die sogenannte „Option“ vereinbart wurde.

Eine erzwungene Wahl

Die „Option“ sah eine erzwungene Wahl für die deutschsprachige Südtiroler Bevölkerung vor:

Sie konnten entweder in Südtirol bleiben, die italienische Staatsbürgerschaft annehmen, damit der eigenen Kultur untreu werden und trotzdem in Gefahr sein, innerhalb Italiens umgesiedelt zu werden oder sie konnten die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen und die Heimat Südtirol verlassen, um im deutschen Reich neu anzufangen.

Die bittere Wahrheit war für alle, dass sie – unabhängig davon, wie sie sich entscheiden würden – auf jeden Fall ihre Heimat Südtirol verlieren würden.

Diese „Wahl“ spaltete die Gesellschaft nachhaltig und ein tiefer Riss ging durch ganze Dörfer und Familien – die „Dableiber“ konnten die „Optanten“ nicht verstehen und genauso war es umgekehrt.
80 Prozent (das waren ca. 166.000 Südtiroler) entschieden sich für die Option die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen und auszuwandern.
Bis Kriegsende wanderten etwa 75.000 von ihnen tatsächlich aus – durch den Beginn des 2. Weltkrieges geriet die Umsiedlung ins Stocken und kam später ganz zum Erliegen.

Wohnraum und Arbeitsplätze für Aussiedler

Für die Südtiroler Aussiedler wurde in der neuen Heimat Wohnraum benötigt. Als Standorte wurden Städte und Gemeinden gewählt, die einerseits Arbeitskräfte benötigten und wo andererseits ausreichend Platz für die Schaffung von neuem Wohnraum vorhanden war.
Reutte bot beides – heimische Firmen wie das Metallwerk Plansee, die Reuttener Textilwerke und die Uniformschneiderei Karl Hoff benötigten Arbeiter und das „Kleinfeldele“, ein freier Platz in der Nähe des Ortszentrums, stand zur Bebauung zur Verfügung.

Der Bau der Südtiroler Siedlung in Reutte

In Tirol wurden insgesamt 22 Siedlungen gebaut. Die Planung aller Siedlungen erfolgte zentral als Standardmodel, regionaltypische Elemente wurden jedoch in die Architektur mit einbezogen. Der Bau in Reutte begann im Juli 1940 und wurde als kriegswichtig eingestuft – damit war er vom geltenden Neubaustopp ausgenommen. Es wurden fast ausschließlich heimische Unternehmen beauftragt, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene wurden zur Bautätigkeit herangezogen. Errichtet wurden die Häuser von der Alpenländischen Heimstätte. Nach zwei Jahren wurden die ersten drei Gebäude an die neuen Bewohner übergeben. Im November 1943 waren die restlichen Wohnungen, die Straßen und Grünflächen fertiggestellt.

Entstanden sind 155 hochwertige Wohnungen mit ca. 40-50 m² in 18 Wohnhäusern, die 2-3geschossig gebaut wurden. Für die damalige Zeit waren die Wohnungen sehr komfortabel eingerichtet.

Wer wohnte nach Fertigstellung in der Südtirolersiedlung?

Aus Südtirol kamen hauptsächlich ärmere Menschen – einfache Arbeiter, Handwerker und Tagelöhner – die zuhause kein Eigentum besaßen und für sich und ihre Kinder eine bessere Zukunft erhofften. Man würde nun annehmen, dass dies ausschließlich Südtiroler Umsiedler waren. Tatsächlich jedoch waren von den 501 Personen, die eingezogen sind, 261 Personen keine Umsiedler. Ein Teil der Wohnungen wurde an „Nichtumsiedler“, also Kriegsversehrte und Fliegergeschädigte, Einheimische, die ihre Altbauwohnung für Umsiedler zur Verfügung gestellt hatten und Parteifunktionäre vergeben.

Reutte zählte 1938 lediglich 2.450 Einwohner. 1944 war die Einwohnerzahl durch die Südtiroler Umsiedler und Flüchtlinge auf 4.250 Personen gestiegen.

Ein Blick ins Innere

Viele Mieter hatten hier erstmals eine eigene Wohnung mit einer abschließbaren Wohnungstüre. Auch viele Reuttener kannten den Komfort und die Privatheit einer eigenen Wohnung nicht, da das Zusammenleben von Großfamilien in einem Haushalt damals noch üblich war.

Die Wohnung für eine Familie mit 1 -3 Kindern hatte folgende Aufteilung:
Bad – Toilette mit fließendem Wasser (anstatt des vielfach auch in Reutte noch in Gebrauch befindlichen Plumpsklos) und Waschbecken (Anschlüsse für einen Holzboiler und eine Badewanne waren vorgesehen)

Küche mit Küchenzeile samt Waschbecken mit fließend Kalt- und Warmwasser, als „Kühlschrank“ diente ein Verbau unter dem Fenster mit Lüftungsschlitzen nach außen.

Elektro-Herd und Holzherd
Elternschlafzimmer mit Kaminanschluss
Kinderzimmer mit Kaminanschluss
Kellerabteil

Die übrige Einrichtung mussten die Leute selbst mitbringen. Speditionen transportierten hier das wenige Hab und Gut der Aussiedler nach Reutte, wo es – bis die Wohnungen bezugsfertig waren – eingelagert wurde.
Die Aussiedlerfamilien waren oft kinderreich. Großfamilien erhielten entweder eine Wohnung mit zwei Kinderzimmern oder bei Bedarf zwei nebeneinanderliegende Wohnungen.
Es gab zudem einen Garten zur Selbstversorgung, auch einen Kinderspielplatz, einen Versammlungsplatz und viel Grünfläche.

Obwohl die Südtirolersiedlungen zentral geplant wurden achtete man darauf, Elemente aus der alten Heimat Südtirol mit Elementen aus der neuen Heimat Reutte zu verbinden. Ein Beispiel dafür ist die charakteristische Doppelstiege des Marktgemeindeamtes – diese ist auch in der Südtirolersiedlung zu finden. Die schönen großen Holzbalkone wiederum sind typisch für Südtiroler Bauernhöfe und wurden ebenfalls in der Südtirolersiedlung berücksichtigt.

Fassadengestaltung mit Botschaft

Auf den Fassaden der Häuser wurden vom Maler Karl Heinrich Walther Kühn zahlreiche Darstellungen angebracht, die der damaligen Ideologie entsprachen und einen Rundgang lohnen. Neben einem Wappenflies mit den Wappen von Südtiroler Gemeinden und Städten am Eingang zur Siedlung sind Szenen aus dem bäuerlichen Leben mit klarer Rollenverteilung innerhalb der Familie, Leistungs- und Erfolgsdevisen und ornamentale Runenszenen zu sehen.

Zwei dieser Malereien möchte ich Euch hier näher vorstellen:

Wolkensteiner Straße 26
Hier sehen wir eine dreigeteilte Darstellung. Die unterste Ebene zeigt ein mittelalterliches Ritterbild mit musizierenden und kämpfenden Rittern. In der mittleren Ebene sind in der Mitte und links der letzte Ritter und der erste Kanonier – Kaiser Maximilian I – und das Schiff zur Entdeckung Amerikas abgebildet. Die oberste Ebene zeigt eine Familie, die das Leben in der damaligen Gegenwart darstellt. Der Hahn ganz links am Bildrand steht für den Morgen, die Eule rechts am Bildrand für den Abend.

Wolkensteiner Straße 22
Diese Darstellung nimmt Bezug auf eine der beiden Rodfuhrtafeln im Museum im Grünen Haus, die Anfang des 18. Jahrhundert entstanden sind und sich mit dem in der Vergangenheit für die heimische Bevölkerung lebenswichtigen Salzhandel befassen. In der Südtiroler Siedlung wurde dieses Motiv übernommen mit dem Unterschied, dass nun der für Südtirol typische Weinhandel gezeigt wird.

In den letzten Jahren wurde viel über den Erhalt der Südtiroler Siedlung diskutiert. Es könnte hier zentrumsnah ein Vielfaches an zeitgemäßer Wohnfläche geschaffen werden, wenn man die Häuser aus den 1940er Jahren entfernen würde.

Noch ist die gesamte Südtiroler Siedlung erhalten und zum Großteil bewohnt.
53 % der Siedlung stehen unter Denkmalschutz und bleiben somit fix erhalten, der Rest könnte in der Zukunft abgerissen werden.

„Erinnerungsort Südtiroler Siedlung – Eine geplante Heimat?“

Der Museumsverein Reutte hat eine Wohnung in der Südtirolerstraße 12 auf die Entstehungszeit rückgebaut. In Zusammenarbeit mit der Marktgemeinde Reutte konnte der „Erinnerungsort Südtiroler Siedlung – eine geplante Heimat?“ geschaffen werden. Die Geschichte der Südtiroler Siedlung in Reutte wurde hier anschaulich dokumentiert und bleibt somit für kommende Generationen erhalten. Die Wohnung in der Südtirolerstraße 12 kann im Rahmen einer Führung durch die Siedlung besichtigt werden. Das Interesse daran ist groß – Schulklassen, Reisegruppen, Vereine und Einheimische gleichermaßen buchen Führungen und lernen dadurch die neuere Geschichte von Reutte besser kennen.

Für die Schaffung und die ausgezeichnete Umsetzung dieses Erinnerungsortes wurde der Museumsverein Reutte mit dem Tiroler Museumspreis 2021 ausgezeichnet.

Das Museum im Grünen Haus bietet kostenlose Führungen durch die Südtiroler Siedlung mit Besichtigung des Erinnerungsortes an, das nächste Mal am Sonntag, 1. Mai zwischen 13:00 h – 17:00 h mit Führung um 15:00 h. Reguläre Führungen finden von Mai bis September jeden 3. Donnerstag im Monat um 17:30 h statt.