Die Dämmerung setzt schon früh ein, letzte Blätter fallen von den Bäumen, erste Schneeflocken rieseln vielerorts sanft und leise vom Himmel. Es wird kühl. Ein einsamer Reiter kommt auf einem Pferd des Weges. Er trägt einen Mantel, um sich vor der Kälte zu schützen. Am Stadttor erkennt der Reiter einen armen Mann, der keine Kleider am Leib trägt und friert. Um ihn zu wärmen, teilt der Reiter seinen Mantel mit seinem Schwert in zwei Hälften und gibt eine davon dem armen Bettler.

Erkennt ihr die Geschichte? Die Rede ist natürlich vom heiligen Martin, dessen Namenstag am 11. November mit zahlreichen Bräuchen gefeiert wird. Einer davon ist der Martinsritt, bei dem oben beschriebene Szene dargestellt wird.

In Tirol gibt es in so ziemlich allen Orten an diesem Tag einen Umzug, bei dem Kindergarten- und Volksschulkinder mit ihren selbstgebastelten Laternen durch die Orte ziehen, singen, Gedichte aufsagen oder sogar ein kleines Theaterstück präsentieren.

All das soll an die guten Taten Martins erinnern und uns gleichzeitig ins Gedächtnis rufen, Werten wie Menschlichkeit und Nächstenliebe mehr Platz in unseren Leben zu geben.

Nicht genau überliefert ist hingegen die Sache mit den Gänsen. Eine Variante geht davon aus, dass eine am Martinstag fällige Abgabe traditionellerweise aus einer Gans bestand, die dann anschließend bei einem Festessen verspeist wurde. Eine zweite Version meint, dass der heilige Martin sich vor seiner Weihe zum Bischof aus Bescheidenheit in einem Gänsestall versteckte, er aufgrund des Geschnatters der Gänse von seinen Mitbürgern aber trotzdem gefunden wurde. Auch gerne erzählt wird, dass der heilige Martin bei einer seiner Predigten von einer Gänseschar unterbrochen wurde und diese dann kurzerhand zu einem Festmahl für alle verkocht wurden.

Egal welcher dieser Erklärungsversuche die Wahrheit schlussendlich am besten trifft, das alljährlich in zahlreichen Betrieben stattfindende Ganslessen ist eine wahre Gaumenfreude und daher auch eine Sünde wert.

Eine Sache möchte ich euch zum Schluss auf keinen Fall vorenthalten. Es gibt ein spezielles Lied, das mir seit einigen Tagen nicht mehr aus dem Kopf geht und mich regelmäßig zurück in meine Kindheit versetzt, als ich noch voller Stolz mit meiner selbstgebastelten Laterne am Umzug teilnahm. Die Rede ist natürlich von „Ich geh mit meiner Laterne“ – das Kinderlied zum Nachhören findet ihr hier, aber Achtung! Es besteht absolute Ohrwurmgefahr 🙂