Wir wissen es ganz genau – Reutte liegt nicht hinter dem Mond, sondern auf dessen Vorderseite!
Warum das so ist möchte ich Euch in meinem Blog erzählen:

Anton Maria Schyrle de Rheita (*1604 in Reutte; †1660 in Ravenna)
Priester, Mathematiker und Astronom von Weltruf aus Reutte

Wusstet Ihr, dass unser Reutte gleich zwei Mal auf dem Mond vertreten ist? 🙂
Der Grund dafür ist Anton Maria Schyrle de Rheita, eine interessante Persönlichkeit und ein genialer Geist aus Reutte mit einer schier unglaublichen Lebensgeschichte!

Anton Maria Schyrle de Rheita wurde als Johann Burkhard Schyrle im Jahre 1604 in Reutte geboren. Mit 18 Jahren entschloss er sich Priester zu werden. Er trat der Ordensgemeinschaft der Augustiner bei und erhielt den Klosternamen Anton Maria.
1623 kam er zu einem dreijährigen Studium nach Ingolstadt. An der dortigen berühmten Universität studierte er Mathematik, Astronomie und Optik. Er erlernte das Schleifen von Linsen und wie – durch den Wechsel von Konkav- und Konvexlinsen – gezielt Vergrößerungen in Fernrohren und Mikroskopen erreicht werden konnten.

Nach seinem Studium kehrte er nicht mehr zu den Augustinern zurück.
1627 trat er in Passau in den Kapuzinerorden ein. Sein Klostername Anton Maria erhielt den Zusatz „de Rheita“ (von Reutte), sein Nachname entfiel, wie das in Klöstern Tradition ist und wurde bei seiner Tätigkeit als Priester nicht mehr verwendet. Als Wissenschaftler verwendete er jedoch seinen Nachnahme Schyrle weiterhin. Unter dem Namen Anton Maria Schyrle de Rheita wurde er zu einem der berühmtesten Astronomen seiner Zeit. Als Fernrohrkonstrukteur übertraf er sogar Galileo Galilei und Johannes Keppler. Sein Teleskop aus vier konvexen Linsen ermöglichte bis dahin nicht erreichte Beobachtungen. Er brachte die exakte Planung, die eine serienmäßige Fertigung ermöglichte, in den Fernrohrbau ein.

Noch bedeutsamer waren seine theoretischen Ausführungen über das astronomische Fernrohr. Er schuf die noch heute gültigen Begriffe „Objektiv“ und „Okular“. Für die Entwicklung der Wissenschaft wurden seine optischen Theorien und sein Erfindungsreichtum in der Konstruktion ständig neuer Fernrohre entscheidend. Mit seinem binokularen Fernrohr erzielte er größere und schärfere Bilder als mit dem bisher gebräuchlichen einrohrigen Fernrohr. Er war ein brillanter Mathematiker und der Erfinder des besten Fernrohres seiner Zeit.

Das von ihm entwickelte terrestrische Fernrohr wurde in England wirtschaftlich erfolgreich verkauft und besonders in Frankreich militärisch genutzt. Dabei wurde es auch als „optischer Telegraph“ eingesetzt, indem man Texte mit sehr groß geschriebenen Buchstaben via Fernrohr weitervermittelte.
Schyrle konnte mit verbesserten optischen Geräten auch detaillierte Beobachtungen auf der Oberfläche des Jupiters vornehmen und beobachtete Asteroiden vor der Sonne.

Politische Tätigkeit und Verbannung

Als wäre sein Leben nicht schon spannend genug gewesen, wurde er auch in die politischen Wirren seiner Zeit verwickelt.

1636 sandte ihn sein Orden als Lektor der Philosophie nach Linz. Dort lernte er Philipp Christoph von Sötern kennen, der vom Kaiser wegen seiner frankreichfreundlichen Politik auf der dortigen Burg gefangen gehalten wurde. Von Sötern war Kurfürst, Erzbischof von Trier und Bischof von Speyer. Schyrle wurde sein Beichtvater und politischer Berater. Der Kurfürst schickte seinen Vertrauten Schyrle 1640 zu Papst Urban VIII. nach Rom. Diese diplomatische Mission, die nach außen hin der Berichterstattung über die Diözesen Trier und Speyer diente, trug Schyrle 1641 die Verbannung aus allen habsburgischen Landen ein.

Veröffentlichungen

Er ging nach Köln und widmete sich wieder seiner wissenschaftlichen Tätigkeit.
1643 erschien sein erstes Werk „Novem stellae“ zur Sternenkunde und schließlich 1645 sein Hauptwerk „Oculus Enoch et Eliae“. Er beschreibt in diesem zweibändigen Werk sein binokulares Teleskop (das spätere Fernglas). Seine Erfindungen verhalfen dem Teleskop zum Durchbruch als astronomisches Forschungsinstrument. Das Buch enthält auch eine von ihm gezeichnete Mondkarte mit 19 cm Durchmesser. In diese hatte er zum ersten Mal das von Meteoriteneinschlägen strahlenförmig ausgeworfene Mondgestein um die größeren Mondkrater herum eingezeichnet.

Er nennt hier im Buchtitel „Oculus Enoch et Eliae“ die Propheten Enoch und Elias, die in der Ankunft Christi eine neue Welt erblickten. Damit wollte er ausdrücken, dass mit dem neuen Fernrohr ebenfalls neue Welten entdeckt werden können.

Das Museum im Grünen Haus besitzt ebenfalls eine Ausgabe dieses Werkes.

1645 zog Schyrle zu dem aus der Gefangenschaft heimgekehrten und nach wie vor äußerst streitbaren Kurfürsten von Sötern nach Trier. Er wurde erneut sein politischer Berater und dadurch in die erbitterten Machtkämpfe um dessen Nachfolge hineingezogen. Die Tätigkeit beim Kurfürsten ermöglichte Schyrle jedoch die finanziellen Mittel, die er für seine teuren Forschungen brauchte. Der Kurfürst starb 1652 und gegen Schyrle wurde ein Inquisitionsverfahren eingeleitet. Das war ein kirchliches Gerichtsverfahren, das seine Gegner veranlasst hatten und das ihn bis zu seinem Lebensende beschäftigen sollte, ohne je abgeschlossen zu werden.

Auf der Flucht

Um einer Verhaftung zu entgehen floh Schyrle über Brüssel nach Paris. Um das Jahr 1654 kehrte er nach Deutschland zurück, um für den Mainzer Kurfürsten Erzbischof Johann Philipp v. Schönborn ein 10 Schuh langes Fernrohr zu bauen. Das entspricht einer Länge von ca. 3 Metern!
1656 befahl ihn der Ordensgeneral der Kapuziner nach Rom und ließ ihn in Bologna aus ungeklärten Gründen in Klosterhaft nehmen.
1657 wurde Schyrle vom Papst in eine lebenslängliche Verbannung nach Ravenna geschickt. Der begnadete Wissenschaftler ließ sich jedoch nicht beirren. Er baute weiterhin neue optische Geräte. Es war ihm auch sehr wichtig, sein umfangreiches Wissen weiterzugeben. Daher bildete er laufend Optiker aus. Von Ravenna aus schlug er dem Mainzer Kurfürsten sogar noch den Bau der ersten europäischen Sternwarte modernen Zuschnitts vor, die mit dem damals leistungsfähigsten Teleskop ausgestattet werden sollte – ein visionäres Vorhaben! Dieses Projekt blieb jedoch leider unverwirklicht.

Im November 1660 starb der berühmte Mathematiker und Astronom in seinem Verbannungsort Ravenna.

Was blieb von dem Genie?
Erstaunlich viel!!
  • Seine brillante Forschungsarbeit und exakte Planung schufen die Basis für den modernen Fernrohrbau und die Fertigung in großer Stückzahl.
  • Einige Drucke seiner Werke „Novem stellae“ und „Oculus Enoch et Eliae“ sind zum Glück erhalten geblieben.
    Ein Exemplar des zweibändigen „Oculus Enoch et Eliae“ wurde 2016 im Londoner Auktionshaus Christie’s zum Preis von GBP 21.250, — versteigert – das sind umgerechnet ca. Euro 24.000, –.
  • Anton Maria Schyrle schuf die bis heute gebräuchlichen Begriffe „Objektiv“ und „Okular“.
  • Auf der Vorderseite des Mondes befindet sich der Krater „Rheita“ (Reutte) mit einem Durchmesser von 70 Kilometern und einer Höhe von ca. 4.400 m an seinen Randgebirgen. Das Tal „Vallis Rheita“ (Reutte-Tal) ist eigentlich eine Kette von Kratern mit einer Länge von ca. 180 Kilometern und einer maximalen Breite von 24 Kilometern.
    Die Benennung der sichtbaren Mondseite geht auf den italienischen Astronomen Riccioli zurück, der 1660 die verdienstvollsten Wissenschaftler seit Beginn der Zeitrechnung mit Namenszuweisungen für die Mondstrukturen ehrte. Pater Anton Maria Schyrle – demnach einer der bedeutendsten Wissenschaftler seit Christi Geburt! – wurde, was höchst selten ist, gleich zweimal mit der Namenbenennung „Rheita“ bedacht. Diesen Krater und dieses Tal können auch Laien mit einem guten Fernglas in der Phase zwischen Halb- und Vollmond ausmachen.
  • Associazione Ravennate Astrofili Rheyta
    Dieser Astronomieverein mit Sitz in Ravenna trifft sich wöchentlich im Planetarium.
  • „Piazzetta Anton Maria De Rheita“ in Ravenna – der kleine Platz wurde nach dem Reuttener Astronomen benannt.
  • Seine Heimatgemeinde Reutte ehrt den großen Sohn mit der „Anton-Maria-Schyrle-Straße“:

Wenn Ihr das nächste Mal den Mond betrachtet denkt Ihr bestimmt an unser schönes Reutte, das sogar dort zu finden ist. Vielleicht gelingt es auch Euch ja, den Krater Rheita und das Vallis Rheita auf der Oberfläche des Mondes zu finden  – Anton Maria Schyrle hätte ganz sicher seine Freude daran!