Einmal meinen Heimatort so sehen, als wäre ich völlig fremd hier, einen neuen Blickwinkel finden, Unbekanntes entdecken – das war mein Motiv bei Kulturführerin Alexandra anzufragen, ob sie mich einmal auf eine Führung durch Reutte mitnehmen würde. “Natürlich gerne“, war die spontane Antwort – „komm doch gleich nächste Woche, da haben wir zuerst eine Führung durch unsere Sommerausstellung im Museum im Grünen Haus und danach eine Marktführung“. Der Heimatverein Pfronten hatte sich angemeldet – ganz passend zum Thema, befasst sich die Sonderausstellung doch mit den Pfrontener Bildhauern im Außerfern.

 

Heute ist es soweit und ich mache mich auf ins Museum. In seinem fesselnden, informativen und humorvollen Vortrag gibt Klaus Wankmiller allerhand Wissenswertes, aber auch lustige Begebenheiten zum Besten. Etwa, dass es im Barock und Rokoko wohl sehr viele Maler im Außerfern gegeben hat, aber keinen einzigen Bildhauer. Er erzählt auch von so mancher abenteuerlichen Fahrt zu einem Dachboden, einer Sakristei oder einem Widum, bei der er Figuren und Bilder für das Museum im Grünen Haus gefunden hat. So sollte er für diese Ausstellung 2 Figuren des Bildhauers Nikolaus Babl abholen, die lt. Bild vielleicht 50 cm hoch waren, in Wirklichkeit aber mannshoch, was den Transport natürlich sehr viel komplizierter machte. Auch die Schilderung über die Aufzeichnungen um eine Figur, die in Hinterhornbach in der Kirche steht, amüsiert mich sehr und macht aus Ausstellungsstücken erlebbare Geschichte: Der Bildhauer, Joseph Stapf, bekam für das Schnitzen dieser Figur 4 Gulden und 12 Kreuzer, der Maler, der die Figur bemalte, so in etwa die Hälfte und Frau Maria Falger aus Hinterhornbach erhielt einen Kreuzer für das Tragen der Figur von Pfronten nach Hinterhornbach.

Zum Schluss geht es noch in den 2. Stock, in die Zeillerausstellung. Die Zeillerfamilie ist ja eine der wichtigsten Künstlerfamilien des Außerfern, verewigt in vielen Gebäuden in Reutte. Auch hier weiß Klaus eine lustige Geschichte zu einem Verwandten der Zeillerfamilie, Balthasar Riepp, die ihr euch gerne in folgendem Video anschauen könnt.

Nackte Tatsachen und bunte Vögel

Nun nimmt uns Alexandra in Empfang und bei strahlendem Sonnenschein beginnt die Führung durch Reutte beim Grabherr Haus. Lebhaft reißt uns Alexandra sofort in ihren Bann, erzählt von den Hochtagen des Salzhandels auf der Via Claudia Augusta, erklärt uns, dass zwischen dem Unteren Salzstadel, dem Grabherrhaus und dem Zeillerhaus pro Tag bis zu 30 Salzfuhrwerke be- und entladen wurden. Man kann sich den Trubel und die Menschenmenge direkt vorstellen und versteht nun auch, wieso es in Reutte damals so viele Gasthäuser gab. Die Rodfuhr (Beförderung des Salzes von einem Ort zum nächsten), die gerecht auf die einzelnen Bauern aufgeteilt war, war für diese ein gutes Zubrot, niemand hungerte, allen ging es gut. Dann wurde die Salzstraße verlegt und der Wohlstand endete abrupt. Die Menschen verarmten und mussten ihre Kinder ins Allgäu zum Hüten schicken, das war der Ursprung der Schwabenkinder. Erst mit der Gründung der Textilwerke und später der Gründung der Planseewerke kam wieder ein Aufschwung.

Das Zeillerhaus ist das Vorzeigehaus in Reutte und diente Johann Jakob Zeiller als Schaustück, hier zeigte er, was er alles konnte, Architekturmalerei (damals noch begehrter als Porträtmalerei), weltliche Motive, kirchliche Motive, Bemalung des Vordachs – alles konnten die zukünftigen Kunden hier begutachten. Affen und bunte Papageien hat er dargestellt, was bestimmt für die damalige Bevölkerung  etwas ganz Besonderes war. Auch auf der Rückseite des Hauses sieht man ein Äffchen und einen Engel, der ganz unschuldig sein blankes Hinterteil in Richtung Lechaschau streckt, was bei den damaligen Lechaschauern großen Unmut hervorgerufen hat. Ehrlich, wer von euch hat gewusst, dass auf dem Zeillerhaus Affen und Engel mit blankem Hinterteil abgebildet sind? Ich nicht!

Papageien waren die Lieblingstiere von Zeiller, so findet man auch auf dem Grünen Haus an der Seite einen Papageien. Das grüne Haus war seit der Bemalung durch J.J. Zeiller 1779 grün und der Begriff Tagwerk leitet sich davon ab, dass genau die richtige Menge Farbe gemischt werden musste, die an einem Tag vermalt werden konnte. Nächste Station ist dann schon die Goldene Glocke, mit moderner Fassadenmalerei von Prof. Rolf Aschenbrenner – meinem Zeichenlehrer am Gymnasium. Er hat die Gestaltung den alten Bürgerhäusern nachempfunden und alle Fenster umrahmt und auch das Vordach mit einbezogen. Da die Glocke, wie die meisten Reuttener Häuser, mehrmals einem Brand zum Opfer fiel, hat er die Farben orange für Feuer und blau für Wasser gewählt. Auch das nächste Haus, zu dem wir Informationen von Alexandra bekommen, ist ein Gasthaus – Zum goldenen Bären, heute als Dengelhaus bekannt, das die Dengel-Galerie, den Weltladen und den Bauernladen beherbergt. Wenn ihr nach oben, zur Dachrinne schaut, erkennt ihr als Dachrinnenabschluss sehr kunstvoll gefertigte Drachen – wer hätte damit in Reutte gerechnet?

Weiter geht  es zum Kirchplatz vor der St. Anna Kirche, nach einer kurzen Erklärung über die Gründung des Klosters endet die Führung mit einer lustigen Bemerkung von Klaus Wankmiller: Der Franziskanerorden heißt ja eigentlich „Franziskaner ofm“ was die Reuttener kurzerhand in „ohne feine Manieren“ umbenannten. Mit viel Gelächter und einem herzlichen Dankeschön an unsere beiden Vortragenden verabschiedet sich die Gruppe aus Pfronten mit sicher nachhaltigen Eindrücken aus Reutte. Und auch mir sind bei manchen Bauwerken die Augen aufgegangen, so oft bin ich schon durch Reutte spaziert und habe die Schönheit einfach nicht gesehen – eine Führung lohnt sich auch für Einheimische – Schätze werden mit Sicherheit gefunden!

Warum wird man Kulturführerin

Diese Frage habe ich Alexandra gestellt, widmet sie doch einen nicht geringen Teil ihrer Freizeit dieser Tätigkeit und folgende Antwort bekommen: „ Ich bin eine begeisterte Reuttenerin und habe einfach Freude daran, Einheimischen und Gästen die Besonderheiten meines Heimatortes und unser schönes Museum im Grünen Haus zeigen zu dürfen. Spannend finde ich, dass jede Führung anders ist, weil andere Besucher kommen, auf die ich mich dann individuell einstelle. Eine Kinderführung ist natürlich ganz anders wie eine Führung für eine Seniorengruppe, ein Jahrgangstreffen oder eine Schulklasse. Diese Abwechslung macht mir viel Spaß. Ein besonders nettes Erlebnis war meine erste Führung,  gewandet als Wirtin Josefa, für Kinder bei der „Nacht der Museen“ vor einigen Jahren. Noch Wochen später haben mich Kinder auf der Straße als Josefa angesprochen und gefragt, ob in meinem Gasthaus viel los ist und wie es denn dem Maler Paul Zeiller und seiner großen Familie geht.“

Bitte beachtet auch das sensationelle Programm unserer Museen bei der Veranstaltung „Nacht der Museen“ am 14. Oktober. Dieses Jahr begleiten zwei Nachtwächter die Besucher durch den Ort und führen sie zu den Veranstaltungen in den einzelnen Häusern.