Hungrig und völlig planlos durchs Geschäft laufen, dabei alles einkaufen was mich anlacht. Wer kennt das nicht? Mir passiert das leider öfters, aber nicht heute. Ich habe mir vorgenommen ganz bewusst einkaufen zu gehen und gezielt ins Regal zu greifen. Also richte ich mir heute mal nicht nur meinen Einkaufskorb her, sondern gleich auch leere Gläser, Aufbewahrungsdosen und eine Gemüse-Tasche. Vollbepackt geht’s nun auf nach Vils zum Stadtlädle Vogelbaum.

Dort angekommen setzte ich mich erst mal mit einem leckeren Cappucchino (Demeter Kaffee, eine Spezialröstung von huangart; frisch gemahlen und mit hohem Druck aus einer Siebträgermaschine, wie ich später erfahre) in das sehr gemütlich eingerichtete Cafe. Die Mitgründerin und Geschäftsführerin Lora ist bereit mir ein paar Fragen zu ihrem außergewöhnlichen Geschäftskonzept zu beantworten.

Wie kam es zu der Idee, der Namensgebung und dem Standort?

Mein Mann Georgi und ich lieben die Berge, so sind wir schließlich von München nach Füssen und dann direkt nach Vils gezogen. Ich habe meine Lehre in der Lebensmittelbranche gemacht und so war für mich klar, dass ich sowas auch in Vils machen möchte. Da das Angebot hier doch nicht so groß ist, habe ich meine Chance erkannt. Die Kombination aus Nachhaltigkeit, regional und Bioqualität ist mir wichtig und wenn so ein Projekt in der Kleinstadt funktionieren soll, dann nur mit der Mithilfe der Bürger. So ist die Genossenschaft mit ca. 100 Mitgliedern entstanden und wir sind gegen eine kleine Miete hier am Stadtplatz in das ehemalige TVB-Büro eingezogen. Ich und mein Mann Georgi sind daher die Gründer, mein Mann ist zusätzlich Mitglied im Vorstand der Genossenschaft.

Die Genossenschaft ist uns total wichtig, so haben wir die Möglichkeit unsere Partner und Kunden kennen zu lernen und diese auch ins Geschehen mit einzubeziehen. So hat uns z.B. ein Mitglied geholfen im Cafe die Bildleiste aufzuhängen. Ein anderer hat uns die Bilder zur Verfügung gestellt und eine weitere kümmert sich um die Blumen. So fühlen sich viele Vilser mit uns verbunden und engagieren sich auch gern. Wenn jemand mit seiner Idee zu uns kommt, dann haben wir direkt Ansprechpartner um zu sagen: „Ja klingt super, machen wir, bräuchten bitte deine Hilfe bei der Umsetzung.“

Die Namensgebung entstand aus aus VGL (Abkürzung für Vilser Genossenschafts Laden) , was ausgesprochen wie „Vogel“ klingt. „Baum“ kam dann hinzu weil die Genossenschaft wächst und gedeiht wie ein Baum, und so entstand dieser Name. Vogelbaum gibt es mittlerweile schon seit einem Jahr und drei Monaten.

Wer sind eure Lieferanten? Von wo kommen Fleisch – und Milchprodukte her?

Alles was geht besorgen wir natürlich regional. Alles was regional nicht möglich ist, besorgen wir in Bio-Qualität und einiges davon Demeter. Da viele regionale Kleinbauern gar nicht die Kapazität haben zu liefern, sind sie gezwungen die Produkte konventionell zu verkaufen. Dem wollte ich entgegenwirken und so bekommen wir jetzt zum Beispiel die Milch direkt aus Vils. Wir haben eigens hierfür Glasflaschen gekauft und Logos entworfen. So kann die Milch direkt vom Bauern in unseren Laden. Unser Fleisch kommt vom Gori Hof, ein Biobauernhof in Reutte. Von dort bekommen wir Schnitzel, Hack, Gulasch, Salami und mehr, alles vom Rind. Ansonsten bieten wir verschiedene verpackten Wurstsorten von Juffinger, einer Tiroler Metzgerei. Viele Käsesorten sind aus Steeg von der Natursennerei Sojer; Joghurt gibt es von Sennlich Alpenmolkerei, ebenfalls aus Steeg.

Die Kuchen und Cupcakes die wir im Cafe verkaufen machen unsere Mitarbeiter selbst, natürlich mit Produkten aus unserem Geschäft.

Sollte mal jemand im Sommer zu viel Gemüse im Garten angepflanzt haben, sind wir auch gerne bereit dieses in unserem Geschäft zu verkaufen. Natürlich nur, wenn die Qualität unseren Vorstellungen entspricht.

Im Cafe haben wir jetzt auch ein Regal wo wir auf Anfrage quasi Regalfläche auf bestimmte Zeit vermieten. So haben Kleinbetriebe die Möglichkeit ihre tollen selbstgemachten Sachen wie z.B. Weihnachtsgeschenke oder Osterdekorationen zu verkaufen und wir haben somit auch gleich ein wunderschön dekoriertes Café.

Ich sehe im Geschäft viele Produkte die mit „Demeter“ gekennzeichnet sind. Was hat das zu bedeuten?

Alle Bio-Produkte haben eine von der EU geregelte Kennzeichnung. Damit ein Produkt also als Bio verkauft werden kann, müssen bestimmte Richtlinien eingehalten werden. Der Demeter-Verband regelt ein zusätzliches Bio-Siegel. Bei konventionell produzierten Produkten sind über 300 Zusatzstoffe erlaubt, bei Bio-Produkten sind es 160, bei Demeter nur noch 13! Der Demeter Verband betreibt eine biodynamische Landwirtschaft, das heißt sie Arbeiten im Kreislauf der Natur. Auf jedem Hof gibt es Tiere, die für die Dünger sorgen und Futter für die Tiere kommt auch aus dem eigenen Garten.

Ihr bietet einmal die Woche die „grüne Kiste“ an. Wie funktioniert das bzw. was ist da so drin?

Wir haben wirklich die Möglichkeit jeden Tag frisches Obst und Gemüse zu bestellen und hier im Laden zu verkaufen. Die grüne Kiste richten wir am Freitag auf Bestellung her. Bis Donnerstag kann vorbestellt werden. Pro Woche richten wir so an die 20 Kisten her die am Freitag ab 10:00 Uhr abgeholt werden können. Rein kommt da was in der Region gerade Saison hat, das heißt jetzt im März kommen eher keine Kartoffeln mehr rein, da die um diese Jahreszeit Lagerware sind und schon eher austreiben anfangen. Salat zum Beispiel fängt jetzt an auszutreiben und schmeckt jetzt frisch viel besser als Salat aus einem Treibhaus.

Im Winter ist die regionale Auswahl meist zu einseitig für unsere Kunden, daher ist ca. die Hälfte regional und wird jetzt im Frühjahr aber immer mehr. Alle Nicht-regionale Produkte sind sorgsam ausgewählt und sind in dem entsprechenden Land saisonal. Unsere Ware kommt nur aus: Österreich, Deutschland, Italien, Spanien und manchmal Holland. Einzige Ausnahme machen die Bananen: Costa Rica. Sogar Orangen, Clementinen, Zitronen, Kiwis kommen entweder aus Spanien oder Italien. Wenn die Saison dort vorbei ist bestellen wir nichts mehr.

Mittlerweile können wir zwar schon sehr gut einschätzen wie viel frische Produkte verkauft werden können, möchten mit diesem Vorbestellsystem aber auch versuchen zu vermeiden, dass noch gute Lebensmittel verschwendet werden und in der Tonne landen. Sollten doch dann und wann Produkte dringend gegessen werden, so versuchen wir diese direkt zu verarbeiten. Heute gibt es zum Beispiel hausgemachten „Obatzta“. Oder wir schrieben per WhatsApp eine Retterkiste für ca. € 3,00 oder € 3,50 (je nach dem wie viel Produkte reinkommen) aus. Sollte dann doch einmal etwas wirklich nicht mehr zu verkaufen sein, so haben wir sogar zwei getrennte Tonnen. Eine für Kompost und eine für Sachen die z.B. an Hühner verfüttert werden können.

Gibt es die Jause für Schüler immer? Was kommt da rein?

Mein Mann Gegori ist leidenschaftlicher Langläufer und hat hier eine Spendenaktion organisiert. Mit dem gesammelten Geld richten wir für die Volksschule in Vils einmal die Woche eine gesunde Jause. Wir haben für jedes Kind eine plastikfreie Zuckerrohrbox bestellt und mit Namensschild (produziert in Vils mit einem 3D Drucker) personalisiert. Vier sehr motivierte Pensionisten helfen uns freiwillig diese Boxen für 80 Schüler mit belegten Vollkornsandwiches, Obst und Gemüsesticks zu befüllen. Die Boxen kommen dann sauber unter der Woche zurück und werden in der Woche darauf von uns wieder befüllt. Einmal im Monat gibt es zur Abwechslung Müsli aus unserer Unverpackt-Station und natürlich die gute Milch aus Vils. Uns ist klar, dass deswegen nicht jedes Kind zum Beispiel nur noch Vollkornproduckte isst, aber dieser Erinnerungseffekt für die Kinder und das Bewusstsein für eine gesunde Abwechslung sind sicherlich bereichernd für die Kinder.

Gibt es auch ein spezielles Angebot für Menschen mit Unverträglichkeiten?

Ja wir haben unter anderem koffeinfreien Getreidekaffee in unserem Sortiment, den können auch Menschen trinken denen Koffein nicht gut tut oder die Probleme mit Bluthochdruck haben. Dann backen wir immer wieder einmal vegane Kuchen oder Muffins und haben auch vegane Schokolade. So haben wir automatisch auch laktosefreie Speisen. Eine Sorte glutenfreie Kekse und Brot haben wir auch immer hier. Beim Getreide wechseln wir in unserer Unverpackt-Station gerne einmal von Buchweizen bis Hirse durch. Da wir nur beschränkt Lagerplatz haben, bieten wir die Möglichkeit glutenfreie Produkte direkt von der Liste des Großhändlers mitzubestellen.

Nachdem ich meinen superleckeren Cappuccino, genossen habe und nebenbei viel über gesunde Lebensmittel, frisch, regional und in bester Bio-Qualität gehört habe, will ich mich natürlich auch selbst davon überzeugen und beginne meinen Einkaufskorb zu füllen. Neben einem frisch zubereiteten Vollkorn-Sandwich gefüllt mit Käse, Paprika, Tomatenaufstrich und Gurken, greife ich noch ins Gemüseregal und zu Schokolade (das muss einfach sein). Worauf ich mich aber schon am allermeisten gefreut habe ist die Station mit den unverpackten Lebensmitteln zum Selbstabfüllen. Diese werden übrigens in Großmengen und plastikfrei verpackt angeliefert. Also erst mal alle Gläser die ich mitgebracht habe mit der Waage abwiegen und beschriften. Dafür gibt es eine extra Ablage und einen Kreidestift.
Dann halte ich ein Glas nach dem anderen unter den Behälter mit dem gewünschten Produkt und ziehe vorsichtig den Griff nach unten. Schon purzeln Nüsse und Co. in meine mitgebrachten Gläser und Boxen. Das schont nicht nur die Umwelt und reduziert unnötigen Plastikmüll, sondern macht ganz nebenbei auch noch Spaß. Außerdem kann ich so die Menge super an meinen Bedarf daheim anpassen, somit muss mir keine Sorgen um etwaige Reste machen wie es oft bei Einheitsgrößen der Fall ist. Wenn ich für ein Rezept z.B. 220g Käse brauche, bekomme ich hier genau diese Menge, am besten gleich fein aufgeschnitten und direkt in meine Käsedose verpackt. Das ganze Obst und Gemüse ist auch unverpackt. So haben früher übrigens schon meine Großeltern eingekauft, bevor die riesigen Supermarktketten entstanden sind.

Auch für den spontanen Einkehrschwung im Vogelbaum ist vorgesorgt. Es gibt Gläser in verschiedenen Größen mit Vogelbaum-Logo für € 1 zu kaufen. Derzeit gibt es rund 45 verschiedene unverpackte Lebensmittel wie Reis, Bohnen, Getreide und Linsen aber auch getrocknete Früchte und sogar Fruchtgummis.

Eine andere Kundin gibt gerade ihre Post auf, denn auch das ist hier möglich und wird auch gut angenommen.
Mir wird bei meinem Besuch hier klar, dass das wirklich ein Geschäft ist, wo der soziale Gedanke für die Vilser und Bewohner der umliegenden Dörfer oberste Priorität genießt.

Ich verlasse das Geschäft mit einem guten Gefühl. Ich habe überlegt und nachhaltig eingekauft, unnötigen Plastikmüll vermieden und auch noch Spaß dabei gehabt. Jetzt freue ich mich schon darauf meinen Einkauf zuhause in der Küche zuzubereiten. Bis auf das Vollkorn-Sandwich, das war so lecker, das hat es gar nicht bis nach Hause geschafft 😉

Und noch ein kleiner Tipp: Schon bald gibt es im Vogelbaum Café über mittags warme Wraps und im Sommer natürlich Eis.

Stadtlädle Vogelbaum
Stadtplatz 1
6682 Vils

0667 7829731
vogelbaum.egen@gmail.com

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Öffnungszeiten:

Mo, Mi, Do: 09:00 – 13:00
Di. geschlossen
Fr. 08:00 – 13:00 und 15:00 – 18:00
Sa. 08:00 – 12:00